Sonntag, Oktober 28, 2012

Gedanken zur Gesellschaft 2.0

Angeregt durch Kommentare zu Feynsinn's "Echternacher Salami", werde ich nun hier versuchen meine Gedanken einigermaßen verständlich zu Papier (eigentlich zu HTML) zu bringen. Soweit ich dazu in der Lage bin, werde ich diese auch begründen. "Soweit ich in der Lage bin" deswegen, weil einiges davon mein Bauch zu verantworten hat. Nein, ich meine damit nicht Blähungen.

Wie schon erwähnt komme ich aus der IT, wo eigentlich alles Regeln unterworfen ist. Ein Rechner wäre ohne dieses Regelwerk, also ohne diese Algorithmen nur ein sinnloser Stromfresser. Sehr oft ist er das auch mit diesen Algorithmen, was zu (gefühlten) 99% an den Algorithmen (Programmen) selber liegt. Eine verbreitete Erkenntnis daraus: Es gibt kein fehlerfreies Programm, was die Hersteller zur Überzeugung brachte, schnell ein halbwegs funktionierendes System den Kunden zu verkaufen, somit Kosten für QA (Qualitätssicherung) einzusparen und diese Arbeit dann gleich den Kunden machen zu lassen. Der wird sich schon melden, wenns nicht funktioniert und dann gibts halt ein Update. Das klingt jetzt vielleicht komisch, ist aber wirklich so.



Ähnlich sehe ich das auch in einerm Gesellschaftssystem. Leider geht es auch hier nicht ohne Regeln.

Welche Regeln gibt es im vorhandene System?
Genau, Profitmaximierung. Viel mehr ist da nicht. Das gilt mE auch für die Versuche mit dem Kommunismus, der am Ende dann doch immer mit dem Kapitalismus konkurieren mußte oder wollte.

Diese einzige Regel hat es geschafft, seit Begin der Industrialisierung (so richtig eigentlich erst über die letzen 100 Jahre), annähernd den gesamten Planeten leerzuplündern. Laut Wissenschaft ist unsere Erde etwa 4 1/2 Milliarden Jahre alt und die in unseren Hirnen eingebrannte Firmware schaft es in nur 100 Jahren einen Großteil davon aufzubrauchen oder kaputtzukriegen. Das nennt man dann sogar Fortschritt. Gerechnet am Erdenalter ist das nichtmal ein Augenaufschlag. Man sollte meinen, daß alleine dieser Umstand ausreichen sollte, um alle bisherigen Paradigmen mehr als nur in Frage zu stellen. Nein, komischerweise geschieht das nicht. Ganz im Gegenteil. Es wird alles versucht, das System bis zum bitteren Ende zu erhalten. Ein schauriges Detail, das mir immer häufiger auffällt, wenn Menschen von der Erde reden: Sie sagen "diese" Erde, nicht "unsere" Erde. Wie Heuschrecken, die über "ein" Getreidefeld herfallen und dann weiterziehen. Bin ich am Ende umgeben von lauter Aliens und habs nicht bemerkt?

Dieses Profitsystem ist dabei mE gar kein Gesellschaftssystem. Es ist, genauer betrachtet, eigentlich nur eine Anhäufung von sich gegenseitig ausnutzenden Einzelkämpfern. Das geht sogar soweit, daß die Institution Familie immer mehr an Stellenwert verliert. Kinder werden immer früher in Kita's abgeschoben, wo die Konditionierung dann von den zuständigen Institutionen übernommen wird. Nur damit sich frühestmöglich die Eltern in deren Beruf (oder auch Harz IV) karriereorientiert selbstverwirklichen können. Moderne Eltern übernehmen keine Erziehungsverantwortung mehr. Das können doch systemgetrimmt ausgebildete Erzieher viel besser und zielgerichteter. Moderne Eltern geben sich zeitgeistgerecht mit der "Erzeugerrolle" zufrieden.
Profitmaximierung erzeugt Egoisten und keine gesellschaftsfähigen Menschen. Profitmaximierung erzeugt Missachtung gegenüber den anderen "Einzelkämpern", weil ja jeder Konkurrent ist. Mit Respektlosigkeit lässt sich mein Gegenüber viel besser "runtermachen". Man kann sich davon millionenfach in den diversen Foren/Blogs und zugehörigen Kommentarkriegen, im Straßenverkehr oder auch im täglichen Miteinander überzeugen.

Diese "sehr unvollständige" Bestandsaufnahme bringt mich zu einigen wenigen, aber existenziell wichtigen

Regeln für eine Gesellschaft 2.0
Wie schon mehrfach an anderer Stelle erwähnt, scheint mir als wichtigste und gleichzeitig schwierigst umzusetzende Regel, das WIR (dazu gehört auch die Natur und Umwelt in der und von der wir leben) über allem anderen zu stellen. Schwierigst deswegen, weil dafür in der Tat ein Sinneswandel nötig sein wird und für viele ihr bisheriges Leben komplett in Frage stellt könnte. Es geht dabei aber nicht um die totale Aufopferung für das WIR bis zur Selbstaufgabe, sondern einfach nur ums Miteinander. Um's gegenseitige helfen. Es geht darum, den Anderen dabei zu unterstützen, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Gesamt gesehen, verbessert das nämlich dann die Situation jedes einzelnen - ganz ohne Egoismus.

Alle weiteren Regeln sind eigentlich gar keine, weil sie logische Konsequenzen aus der 1. sind.
  • Gegenseitiger Respekt. Lernen, dem Anderen zuzuhören. Ich bin überzeugt, auch ein Dr. kann von einer Reinigungskraft einiges lernen. Er muß es nur zulassen.
  • Es müsste das Wertesystem überdacht werden. Auch das wäre eine logische Konsequenz aus 1. Ganz automatisch.
  • Ein Geldsystem/Tauschsystem würde sich selbst erübrigen, bzw. wäre ganz im Gegenteil ein unüberwindbares Hindernis zum WIR, weil es Egoismus fördert
  • Daraus ergibt sich auch, das gar keine Schwarzmärkte im herkömlichen Sinn entstehen könnten. Ein Schwarzmarkt ist ja nur deswegen einer solcher, weil der Staat dabei nicht mitkassiert. Da es kein Geldsystem gibt, gibts auch keine Steuern. Diese sind ja auch nicht mehr nötig, weil sowieso das Gemeinwohl im Vordergrund steht, wofür ja eigentlich Steuern da sein sollten, wie man uns einzureden versucht.
  • Da wir nicht mehr auf Profit angewiesen sind um etwas zu "Unternehmen", kann Wissen endlich für sinnvolle Innovationen eingesetzt werden. Wenn etwas Sinnvolles umzusetzen ist, ist dazu kein Budget mehr nötig. Es wird einfach getan. Zum Beispiel für Solarenergie oder erneuerbare Energie. Für jeden, dezentral, ohne lange, verlustbehaftete Überlandleitungen. Man könnte zB. mit Solar- und/oder Windenergie erzeugten Wasserstoff als Energiespeicher benutzen und bei Bedarf ganz ohne Umweltverschmutzung mittels Brennstoffzellen zu Strom wandeln. Das kommt allen zu Gute.
  • ...
Was mich betrifft, wäre ich stolz und es würde mir vollkommen ausreichen, zu wissen, daß ich einen kleinen Beitrag zu etwas wirklich Sinnvollem leisten konnte. Es wäre keine Ersatzbefriedigung, wie etwa das allerneueste Ei-Fon mit Halbwärtszeit < 3 Monate oder Ähnliches nötig.
Das Menschen im derzeitigen System in ihrem Beruf aufgehen, sofern sie denn einen haben, halte ich für eine geschmacklose Lüge. Wir finden so viel Sinn und Befriedigung in unseren Berufen, daß das schon wieder Depressionen und Burn-Out erzeugt und wir Pillen dagegen brauchen. Pillen gegen alles. Wir sind stolz auf eine Medizin, die immer nur Symptome bekämpft aber niemals die Ursachen. Würde sie das, würde sie sich den eigenen Ast absägen.

Man stelle sich eine Extremsituation vor, wie zB. eine Umweltkatastrophe wie Erdbeben, Atomunfall, Hurricans, Kometeneinschlag etc.
In einem egoistischen System wird sich jeder selber der nächste sein. Es würde zu Plünderungen kommen. Das Recht des Stärkeren, die Menschen würden sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, anstatt gemeinsam nach Lösungen fürs Überleben zu suchen.
Dabei hat sich doch bisher immer bestätigt, daß eine Spezies bessere Chancen hat, Extremsituationen als Gruppe zu überleben.
Möglicherweise klingt das alles für viele ziemlich naiv. Und trotzdem würde ich mich sogar soweit aus dem Fenster lehnen wollen und behaupten, daß die Gattung Mensch, wenn sie überleben will, gar keine andere Wahl hat als diesen 180°-Schwenk hinzukriegen. Weil wir uns sonst über kurz oder lang selber die Existenzgrundlage unterm Hintern wegwirtschaften/wegspekulieren/wegprofitmaximieren.

Soweit erstmal zum momentanen Stand meines Gedankengerüstes. In der Praxis würden sich, gerade zu Beginn, einige Schwierigkeiten ergeben, weil man sich eben nicht sofort vom System abkoppeln kann. Man wird Dinge benötigen, die man kaufen muß, weil man eben nicht alles gleich selber erzeugen kann. Zum Beispiel Solarstrom. Oder es findet sich auch hier jemand, der solche Systeme erzeugt und mitmachen will. Obwohl ich mir das gar nicht so schwer vorstelle, weil ihm bei der Erzeugung der für so ein Projekt benötigten Kollektoren alle Beteiligten helfen würden wo sie es können.Weiters wäre Anbaugrund nötig und es kann sich eben nicht jeder sowas leisten. Das bedeutet aber dann eben gerade nicht, daß sich nur Leute, die es sich im jetzigen System leisten können in ein Neues einkaufen können. Wenn nur Betuchte rein dürfen alle anderen eben draußen bleiben müssen sind wir erst wieder beim alten System. Ich denke, in der Überwindung solcher Hindernisse liegt die Herausforderung und Entscheidung über Erfolg oder Rohrkrepierer.

Sicherlich hab ich sehr vieles gar nicht bedacht oder einfach übersehen. Wer sich trotzdem angesprochen fühlt ist herzlich eingeladen, beim Gedankenexperimentieren mitzumachen.

Kommentare:

  1. Meine Antwort habe ich auch bei Feynsinn geschrieben, damit die Diskussion nicht zerpflückt wird.

    Danke für die guten Gedanken. ;o)

    uena

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  2. Bedenke, die Evolution nutzt Konkurrenz und Kooperation als gleichwertige Mittel, d.h. das eine schließt das andere nicht aus.
    Die Menschen, welche es zu so einem Projekt benötigt, sind schwierige Charakterträger, quasi gegen den Strich gebürstet. Solch ein Projekt bedeutet richtig viel Arbeit. Startkapital ist erforderlich, um zumindest die wesentlichen Dinge zu erwerben, vor allen Dingen Grund und Boden und einige technische Dinge. Man wird sich gesetzlich zumindest in der Grauzone bewegen. Wissensträger mit sozialer Kompetenz sind nötig ...
    Nur um mal einige Hürden anzudeuten... Nicht zu vergessen, sollte man sich der daraus resultierenden Konsequenzen bewusst sein.

    mfg thom

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  3. Und wenn dann die Prototypgemeinschaft steht, allen Hürden zum Trotz, kommt der Bagger wetten.... Kannst ja mal bei den Össis in Wörgl nachfragen die ham sowas ähnliches getestet. Das Wunder von Wörgl.. ma googeln, die haben versucht das zinsbasierte Geldsystem in ein Freigeldsystem nach Silvio Gsell umzuwandeln..hatt solang sehr gut funktioniert, bis die gierigen Kapitalisten es ganz schnell unterbunden haben, verdienen sie ja nix drann ohne Zinseszinsmechanismus.
    Ich bin ja der Meinung das unser Geldsystem das urproblem darstellt, der zinseszinsmechanismus ist der Wachstumszwang, lösen wir das Problem lösen wir viele Probleme.

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    1. Bin Ösi, kenne die Geschichte. Wie oben angedacht, würde ich sogar soweit gehen, jegliches Geldsystem (auch Tauschsystem) als Mitverantwortlichen allen übels zu sehen. Warum der Bagger dann nach Wörgl kam, ist ja offensichtlich.

      Keine einzige Spezies in der Natur braucht Geld zum Fortbestehen, bloß wir Menschen bilden uns ein es ist absolut nötig. Weil wir lieber nachplappern, als nachdenken. Weil wir glauben, statt zu wissen.
      Dabei wäre genau JETZT der Zeitpunkt gekommen, endlich damit aufzuhören.
      ---
      Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es.
      - Bertrand Russell

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